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Ästhetik

Gedanken und Leitsätze zur Architektur



Im Gegensatz zum Erleben von Ästhetik ist das Sprechen darüber an unsere sprachlichen Möglichkeiten gebunden.


Die Wahrscheinlichkeit durch Sprachen Erkenntnisse präzise zu beschreiben und daraus genaue allgemeingültige Wahrheitsbeschreibungen zu formulieren sind begrenzt. Es ist nicht leicht eine eigene Erfahrung umfassend über unseren sprachlichen Ausdruck festzuhalten und weiterzugeben. Eng damit verbunden ist auch unser Denken über Erfahrungen und Wahrnehmungen der Wirklichkeit durch unsere Sprache begrenzt (siehe Wittgenstein). Eine Erklärung für diese Tatsache liegt in der evolutionsbiologischen Entwicklung der Sprache und den ursprünglichen Aufgaben der Sprache als Werkzeug sozialer Verständigung. Sprache diente nicht der Erkenntnisgewinnung.


Wenn wir jetzt über ästhetische Erfahrungen sprechen haben wir die Herausforderung, uns präzise verständigen zu können. Insbesondere dann, wenn wir Befindlichkeit, Geruch, Klang, Farbwirkungen, Raumgefühl und Raumwirkung beschreiben wollen.



Was ist eine ästhetische Erfahrung?
Als ästhetische Erfahrung kann all das benannt werden, was wir wahrnehmen, vor einem Hintergrund den wir nicht bewusst wahrnehmen. Unsere Wahrnehmung erfolgt immer selektiv, da es uns nicht möglich ist, die Fülle aller Reize gleichzeitig und gleichwertig zu verarbeiten. Das Spektrum und der Kontrast der vorhandenen Reize beeinflusst die Art und Intensität des Wahrgenommenen. So ist das, was wir nicht wahrnehmen, genauso maßgeblich für das Wahrgenommene wie das, was wir als ästhetisch registrieren. Die ästhetische Erfahrung weiß daher nichts vom nicht ästhetischen Hintergrund. In Wirklichkeit existieren aber beide und bedingen einander (siehe W. Welsh).

Neben der Ästhetik von Gestaltetem müssen alle Wahrnehmungen als Ästhetik verstanden werden. Man kann sagen, das alles was wir wahrnehmen Ästhetik ist, ob bewusst geschaffen oder zufällig entstanden. Die Qualität der Ästhetik hängt zum einen von dem ästhetischen Potenzial der Umwelt ab, aber auch von der Fähigkeit des Rezipienten wahrzunehmen und innerhalb seines Erfahrungshorizontes zu Verstehen. Ein vorhandenes ästhetisches Potenzial muss nicht zwingend von jedem Rezipienten dekodiert werden können, so dass oft verschiedene Lesarten nebeneinander bestehen. Eine ästhetische Erfahrung spiegelt nicht zwangsläufig eine vorhandene ästhetische Qualität wieder sonder das Verhältnis zum Rezipienten.


Ästhetik in der Architektur.

Als Architektur kann im weitesten Sinne die Gesamtheit unserer bebauten Umwelt gesehen werden. Unser heutiges Lebensumfeld in einer entwickelten Industriegesellschaft ist nahezu ausschließlich von Menschen gestaltet worden. Aber nicht nur unsere Städte sondern auch der größte Teil der Naturflächen sind geplante und bewirtschaftete Kulturlandschaften. Das zeigt, dass wir mit der Gestaltung der Umwelt unseren eigenen Lebensraum für unsere zukünftige Entwicklung zum überwiegenden Teil selbst erschaffen. Architektur ist die Grundlage in Form von spezifischen Raumangeboten mit bestimmten Eigenschaften für die Entwicklung der zukünftigen Gesellschaft.


Neben dem Vorhandensein eines konkreten physischen Raumes unserer Umwelt, entsteht immer auch eine ästhetische Beziehung zu dem uns Umgebenden. Die Art und Weise wie und was wir aus unserer Umwelt wahrnehmen hat Einfluss auf unsere unmittelbare Lebensqualität und beeinflusst unsere Befindlichkeit und damit unser Verhalten. Die Qualität eines Raumes kann Entwicklungen begünstigen aber auch verhindern.


So muss es Ziel der Architektur sein, neben dem Raummanagement auch ästhetische Absichten kontrolliert zu verfolgen und zu wahrnehmbaren Qualitäten herauszuarbeiten. Dabei ist es wichtig, die Lesart von Ästhetik des künftigen Rezipienten mit unterschiedlichen Erfahrungshorizonten zu kennen.


Im Gegensatz zur Ästhetik in der Kunst ist und bleibt die Architektur an ihren jeweiligen Kontext gebunden. Das bedeutet, das der ästhetische Gehalt von Gebautem nicht ohne weiterenn baulichen Eingriff verändert werden kann und somit relativ dauerhaft und stabil besteht. Ästhetik der Architektur entsteht aus der Beziehung des Gebauten zum Kontext. Architektur wiederum wird selber zum Kontext für Ästhetik. So besteht oft die Aufgabe auch darin, über die Architektur etwas anderes zu ästhetisieren z. B. die Wirkung von Menschen oder Kunstgegenständen in einem Raum oder Landschaftsbezüge durch Blickachsen.


Ästhetische Ziele.
Architektur ist immer Raum im Körper und gleichzeitig Körper im Raum. Die Position des Rezipienten ist in der Regel variabel vorbestimmt, so das mindestens ein aber in der Regel sehr viele sehr unterschiedliche Standorte der Wahrnehmung möglich sind. Vom Erleben des Gebäudes im städtebaulichen oder landschaftlichen Kontext wird jede einzelne Raumeinheit für sich wahrgenommen. Aus der Fülle dieser unterschiedlichen Standorte ergibt sich ein ein breites Spektrum an ästhetischer Vielfalt.


Hier ein paar Beispiele für Ziele im erreichen einer ästhetischen Qualitäten:


Die Form:

  • Physische Form – sichtbare Form – wahrgenommene Form
  • einfache Form – komplexe Form – Formhierarchie
  • verständliche Form – unverständliche Form
  • exponiert – exponiert eingepasst – eingepasst
  • besonnt – teilbesonnt – beschattet
  • assoziativ – entfernt assoziativ – exemplarisch
  • Kontext konform – provozierend




Der Raum:

  • geschlossen – gerichtet – offen
  • erfassbar – teilerfassbar – nicht erfassbar (Masstab der menschlichen Wahrnehmung)
  • introvertiert – kommunikativ – extrovertiert – gemischt
  • kontemplativ – kontemplativ in Beziehung – in Beziehung zu anderen Räumen
  • spezifisch funktional – teil funktional – ohne vorbestimmt Funktion (funktional – multifunktional)
  • illusionistisch – authentisch (so aussehen wie, oder sein was ist)
  • erhellt – bestrahlt – fallendes Licht – Nuancen von Dunkelheit
  • Sonnenlicht – Tageslicht – Kunstlicht – jahreszeitlich abhängig
  • Komfort orientiert – Anforderungen an den Nutzen (motorisches Training – motorische Verarmung)
  • Intensität des ästhetischen Effekts (graduelle Stärke und Frequenz)
  • positive Ästhetik – negative Ästhetik (Schönheit – Hässlichkeit)



Bei allen hier präsentierten Projekten stand die bewusste Herausarbeitung unterschiedlicher konkreter ästhetischen Absicht im Mittelpunkt der Planung. Jeder Standort hat seine eigenen spezifischen Eigenschaften, so dass selbst bei ähnlichen Zielsetzungen mit der Ausarbeitung immer neue individuelle Lösungen entstehen mussten.


Jeder Einzelne kann prüfen, inwieweit sich eine bestimmte Wahrnehmung der einzelnen Architektur- und Raumsituation beim persönlichen Erleben für ihn einstellt. Das Mass für Architektur ist die real erlebte Architektur im Moment des Erlebens im bestehenden Kontext, unabhängig von Theorie und Absichten. Die richtige Absicht und ein kundiger und bewusster Umgang mit den Mitteln der Gestaltung sind der Weg im Schaffensprozess.